Wer die Auswirkungen und Herausforderungen des Anthropozän kennt und ernst nimmt, muss sich folgende Frage stellen: Kann unser Bildungssystem die zukünftige Generation so ausbilden, dass diese das entsprechende Wissen und die entsprechenden Fähigkeiten erlernt, um sich in der Welt zu orientieren und deren vielfältige Probleme verstehen und bearbeiten zu können? Über »das« Bildungssystem kann man natürlich nicht pauschal urteilen, sondern lediglich über die Ergebnisse von Studien sowie von Erfahr…
Read moreWer die Auswirkungen und Herausforderungen des Anthropozän kennt und ernst nimmt, muss sich folgende Frage stellen: Kann unser Bildungssystem die zukünftige Generation so ausbilden, dass diese das entsprechende Wissen und die entsprechenden Fähigkeiten erlernt, um sich in der Welt zu orientieren und deren vielfältige Probleme verstehen und bearbeiten zu können? Über »das« Bildungssystem kann man natürlich nicht pauschal urteilen, sondern lediglich über die Ergebnisse von Studien sowie von Erfahrungsberichten aus bestimmten Bereichen des Bildungssystems. Sie liefern uns immer nur einen Ausschnitt über die Bedingungen, unter denen Schüler*innen lernen und Lehrkräfte lehren. Wenn man bedenkt, mit welcher Vielzahl von gänzlich neuen Herausforderungen Lehrkräfte heutzutage umgehen müssen − neuen Themen (z.B. Klimawandel, Globalisierung, Auflösung traditioneller Geschlechterrollen), neuen Technologien (z.B. Di-
gitalisierung von Lernumgebungen, künstliche Intelligenz) oder Diversität von Schüler*innengruppen –, dann gebührt ihnen zunächst die größte Hochachtung vor den kreativen Ideen, mit denen sie versuchen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen − häufig ohne ausreichende fachliche oder psychologische Unterstützung. Um unsere Bildungsinstitutionen im Umgang mit bestehenden und kommenden Herausforderungen zu stärken, müssen, so unsere These, (mindestens) zwei Änderungen vorgenommen werden, indem sowohl das Selbstverständnis der Lehrkräftefachausbildung in Frage gestellt als auch Kompetenzen stark gemacht werden, die bisher nicht ausreichend genug Teil des schulischen Unterrichts sind. Der erste Änderungsvorschlag betrifft die Auffassung, dass Lehrkräfte zu Expert*innen in ihren Fächern ausgebildet werden müssen und Schüler*in nen entsprechend klar voneinander abgegrenzte Fächer erlernen. Die Frage
lautet: Sind die Herausforderungen des Anthropozän eine hinreichende Bedingung dafür, dass inter- und transdisziplinäre Lehr- und Lernkulturen im Vergleich zum monodisziplinären Unterrichten als Standard etabliert wer-
den sollten? Und wenn ja, was bedeutet das für die Fachdidaktik (auf diese wollen wir uns hier konzentrieren)? Damit verbunden, formulieren wir einen zweiten Änderungsvorschlag, der die Rolle philosophischer Bildung stärker ins Zentrum rückt. Unsere These lautet, dass philosophische Reflexionsprozesse als Unterrichtsprinzip zentraler Bestandteil von Unterricht werden müssen. Das macht etablierte Fächer wie Ethik, Philosophie, Werte und Normen u.a. nicht überflüssig. Was allerdings fehlt, ist ein fachdidaktisches Modell, das als paradigmatisches Rahmenkonzept für die Verbindung aller Fächer der philosophischen Fächergruppe sowie der anderen Fächer dienen kann.