Während Affekte zumeist auf Basis ihrer individuellen Erfahrungsebene betrachtet werden, untersucht der vorliegende Beitrag den Zusammenhang zwischen der individuellen und kollektiven Dimension von Scham. Scham wird dabei als soziopolitischer Affekt verstanden, der sich einer reduktiven Lesart entzieht. Didier Eribons Selbstbeschreibung und seine literarische Aufarbeitung schambehafteter Klassenzugehörigkeit erlauben es, die Verbindung zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlichen Stru…
Read moreWährend Affekte zumeist auf Basis ihrer individuellen Erfahrungsebene betrachtet werden, untersucht der vorliegende Beitrag den Zusammenhang zwischen der individuellen und kollektiven Dimension von Scham. Scham wird dabei als soziopolitischer Affekt verstanden, der sich einer reduktiven Lesart entzieht. Didier Eribons Selbstbeschreibung und seine literarische Aufarbeitung schambehafteter Klassenzugehörigkeit erlauben es, die Verbindung zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlichen Strukturen darzustellen. Dabei wird aufgezeigt, dass Scham nicht nur durch soziale Normen reguliert wird, sondern in einem engen Zusammenhang mit den Artikulationsmöglichkeiten politischer Subjekte steht. In diesem Zusammenhang wirkt klassenbezogene Scham als hegemonial verhärtend und unterbindet eine positive Selbstbezugnahme sowie Politisierungsmöglichkeiten für die Arbeiter*innenklasse. Gegenüber dieser repressiven Dimension der Scham prüft der Beitrag theoretische Antworten, die emanzipative Horizonte zu denken erlauben. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Politisierung angestammter Klassenzugehörigkeit durch Strategien der Kollektivierung, die eine positive Besetzung für abgewertete Subjektivierungsformen eröffnet. Hierzu wird die Pariser Commune von 1871 als historisches Beispiel herangezogen, um die Verschränkung von Sprache und Affekt in der politischen Subjektivierung und Kollektivierung zu illustrieren.