Die Autorin liest »Jenseits des Lustprinzips« ausgehend vom Projekt einer »Bioanalyse«, das Sigmund Freud und Sándor Ferenczi gemeinsam anvisierten, aber nie vollendeten. Ferenczi definierte die Bioanalyse als spekulative Wissenschaft, die psychoanalytische Begriffe und Methoden konsequent auf die Naturwissenschaften überträgt. Mit historischem Abstand wird das Projekt »Bioanalyse« als Versuchsanordnung lesbar, in deren Rahmen Ferenczi und Freud angesichts einer zunehmenden Biologisierung des So…
Read moreDie Autorin liest »Jenseits des Lustprinzips« ausgehend vom Projekt einer »Bioanalyse«, das Sigmund Freud und Sándor Ferenczi gemeinsam anvisierten, aber nie vollendeten. Ferenczi definierte die Bioanalyse als spekulative Wissenschaft, die psychoanalytische Begriffe und Methoden konsequent auf die Naturwissenschaften überträgt. Mit historischem Abstand wird das Projekt »Bioanalyse« als Versuchsanordnung lesbar, in deren Rahmen Ferenczi und Freud angesichts einer zunehmenden Biologisierung des Sozialen mit einem Gegennarrativ experimentierten. Freuds Spekulation über den Einzeller im vierten Kapitel von »Jenseits des Lustprinzips« ist dafür beispielhaft: Ihre Relevanz besteht in der Abgrenzung gegenüber jener Gemengelage aus biologistischen Vervollkommnungsphantasien und esoterischen Reinheitsidealen, deren tödliche Auswirkung sich erst in den Jahrzehnten nach »Jenseits des Lustprinzips« in ihrem vollen Ausmaß erweisen sollte.